Von der Welt erzählen: Das Literatur-Programm bei den Ruhrfestspiele 2019

16.04.2019

Am 1. Mai beginnen die Ruhrfestspiele 2019, die ersten unter der Intendanz von Olaf Kröck. Im Rahmen des langen Eröffnungswochenendes präsentieren die Ruhrfestspiele auch den ersten Abend der neuen Reihe „… im Gespräch mit Denis Scheck“. Schecks erster Gast ist am 6. Mai die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

„Unter den verschiedenen Werkzeugen des Menschen“, schreibt Jorge Luis Borges in seinem Vortrag „Das Buch“, „ist das erstaunlichste das Buch. Die anderen sind Erweiterungen seines Körpers. Mikroskop und Teleskop sind Erweiterungen des Sehens; das Telefon ist eine Erweiterung der Stimme; dann haben wir Pflug und Schwert, Erweiterungen des menschlichen Arms. Aber das Buch ist etwas anderes: es ist eine Erweiterung des Gedächtnisses und der Phantasie.“ – Für die Ruhrfestspiele spielt das Buch, die Literatur traditionell eine wesentliche Rolle. Und so wird es auch 2019 und in den folgenden Jahren verstärkt weitergehen.

Denis Scheck trifft Herta Müller, Georg Stefan Troller und Louis Begley

Es gibt eine neue Reihe im Bereich Literatur. Die Ruhrfestspiele haben an drei Abenden drei Gäste zum Gespräch mit dem Literaturkritiker und Moderator Denis Scheck eingeladen. Es sind drei Jahrhundertbiographien: Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller kommt aus Berlin (6. Mai), der 97-jährige Autor und Filmemacher Georg Stefan Troller kommt aus Paris (14. Mai) und der große amerikanische Anwalt und Autor Louis Begley kommt aus New York zu den Ruhrfestspielen (25. Mai). Im Gespräch mit Denis Scheck werden sie ihre ganz besonderen Perspektiven auf unsere Geschichte und unsere Gegenwart zu erleben sein. Herta Müller, Georg Stefan Troller, Louis Begley – alle drei sind rare Zeitzeugen, alle drei haben unsere Gegenwart und Zukunft im Sinn, alle drei sind herausragende Autoren und Künstler.

Bekannte Schauspieler*innen lesen Texte der Weltliteratur

Neben dieser neuen Reihe setzten die Ruhrfestspiele die Lesungen mit Schauspieler*innen fort: Milan Peschel liest begleitend zu Heiner Müllers Inszenierung von Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ Texte von Heiner Müller, der in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre (9. Juni). Unter dem Titel „Für alle reicht es nicht“ lauscht er Müllers einzigartigen Sprach- und Denkräumen für unsere Gegenwart noch einmal nach. Lina Beckmann und Charly Hübner lesen gemeinsam „Einst in Europa“ – die vielleicht schönste Liebesgeschichte des großen Schriftstellers, Malers, Kunstkritikers und Denkers John Berger (5. Mai). Es ist eine andere Geschichte Europas, ein Panorama des Mitgefühls, des Verstehens und der Zuneigung, wie es fast keines in der europäischen Literatur unserer Zeit gibt. Caroline Peters liest aus dem einzigen vollendeten Roman von Ingeborg Bachmann: „Malina“ erzählt die wohl denkbar ungewöhnlichste Dreiecksgeschichte einer Frau, die zwei Männer liebt 12. Mai). Wolfram Koch liest frühe Erzählungen Anton Tschechows voller Witz, Anarchie, kühnem Stil, genauer Beobachtung, Menschenkenntnis und Ironie (13. Mai). Dietmar Bär liest „Eine Rebellion“ von Joseph Roth, eine kluge, melancholische Geschichte über die verzweifelte Auflehnung eines um Anpassung an die bürgerliche Welt bemühten einfachen Mannes, zeitlos und existentiell (2. Juni). Und in Erich Kästners Großstadtroman „Gang vor die Hunde“ geht es um das unmoralische Berlin der frühen 1930er Jahre während des Kommunismus und des aufkeimenden Nationalsozialismus – eine szenische Lesung mit Musik aus dieser Zeit von Christine Sommer und Martin Brambach (6.-8. Juni).

Poetry Slam

Bei „Best of Poetry Slam“ am 28. Mai, moderiert von Jan Philipp Zymny, einem der bekanntesten und erfolgreichsten Poetry Slammer der Szene, werden die Texte nicht nur einfach auf die Bühne gebracht wie man es kennt und die Konventionen es wollen. Das Publikum wird mitgerissen, Stürme der Begeisterung werden ausgelöst. Die Texte gehen direkt unter die Haut und schlagen auf das Zwergfell.

Dunja Hayali zu Gast

Die vielfach ausgezeichnete TV-Moderatorin Dunja Hayali, gebürtige Westfälin irakisch-christlicher Eltern, stellt am 20. Mai ihr aktuelles Buch „Haymatland“ im Gespräch mit dem Intendanten Olaf Kröck vor. Das Buch geht Fragen nach, die unsere Nation unter Spannung setzen: Wie wird „Heimat“ definiert? Was wird aus Deutschland, wenn selbsternannte Heimatschützer diesen Begriff als Chiffre für Ausgrenzung missbrauchen? Wie lässt sich dem Hass der Nationalisten begegnen und die liberale Gesellschaft erhalten?

Reportagen Live

Und dann präsentieren die Ruhrfestspiele in Zusammenarbeit mit „REPORTAGEN – Das unabhängige Magazin für erzählte Gegenwart“ zudem noch die Reihe „Reportagen Live – Weltgeschehen im Kleinformat“, moderiert von Dimitrij Gawrisch. REPORTAGEN schickt die besten Reporterinnen und Reporter auf Reisen rund um den Globus, um überraschende Geschichten zu entdecken, die unseren Blick auf die Gegenwart verändern. Vier von ihnen lesen während der Ruhrfestspiele aus ihren Texten und berichten über ihr Leben als Geschichtensucher und über Hintergründe und Hindernisse auf dem Weg zur perfekten literarischen Reportage, der Königsdisziplin des Journalismus. (12., 19., 26. Mai & 2. Juni)