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Dr Frank Hoffmann

GRUSSWORT

Zuhause in der Welt

 

Wie schön. Wir sind zuhause. Der Puls fällt, der Atem geht ruhiger, die Sicherheit kommt langsam wieder und mit ihr die Zuversicht. Wir schauen hinaus. Es ist alles wie immer, wie gestern. Was für ein Glück. Es ist noch einmal gut gegangen. Vertraute, wohlige Heimat. 

Und plötzlich: der Riss. 

Schweißgebadet schnellen wir hoch. Alles ist anders, verändert, und wir wissen, dass wir kein Haus mehr haben und auch keins mehr bauen werden. Heimatlos. Von heute auf morgen. Wir haben sie verloren, die vertraute, wohlige Heimat. 

Wie kann man so etwas Persönliches so radikal verlieren? Wo war sie denn, wenn sie sich als so zerbrechlich erwies? Ist Heimat vielleicht nur innen, tief in uns, nicht unbedingt an einen Ort gebunden, eher an das Gefühl für diesen Ort?

Über dieses Gefühl wollen wir bei den Ruhrfestspielen 2018 sprechen. Was heißt Heimat heute? Und wie ist es, wenn man in der Heimat verfolgt, bedroht oder unterdrückt wird? Kann man seine Heimat überhaupt hinter sich lassen? Oder tragen wir alle unsere Heimat als kulturellen Ballast mit uns? 

2018 ist ein Jahr des Umbruchs für das Ruhrgebiet: Das Ende des Steinkohlebergbaus ist ein grober Einschnitt für eine Region, die seit 200 Jahren vor allem durch Industrie geprägt war und lange als der Motor Europas galt. Wie geht es jetzt weiter mit der Heimat Ruhrgebiet? Was bleibt von der Kohlenpott-Romantik? Was bedeutet es für die Ruhrfestspiele, wenn von ihrem Gründungsmythos „Kunst für Kohle“ nur noch die Kunst bleibt? 

Der Heimat-Diskurs ist in Zeiten von AfD und Flüchtlingsströmen aktueller denn je. Der Begriff wurde instrumentalisiert und verleugnet, karikiert und verpönt, und doch resoniert er in uns allen: Heimat. In der Debatte geht es um das Ankommen, Weggehen und Bleiben. Und das neu Gestalten. Erfinden. Öffnen. 

Hier tritt das Theater auf den Plan. Im dunklen Raum entwirft es freie Konzepte für ein anderes, helleres Leben. Von einer alten Dame, die heimkommt und aufräumt, bis zum Entwurf einer Utopie des Scheiterns für ein neues Ruhrgebiet in Ostermaiers Die verlorene Oper. Ruhrepos – das Programm der Festspiele, in 2018 wieder sehr engagiert, sehr politisch, sehr zupackend, seziert die Welt von heute und stellt das Theater auf die Probe der Realität. Das Theater ist gefragt, hier im Ruhrgebiet und weit darüber hinaus, das zu bezeichnen, wo sich die Menschen zuhause und wo sie sich fremd fühlen. Heimat wird dann wohl weniger das meinen, was die Menschen bereits besitzen, als vielmehr das, was sie erstreben oder sich erträumen. 

Und wenn am Ende der Festspiele 2018 auch meine Zeit im Ruhrgebiet zu Ende geht, werde ich sie auch erfahren haben: die verlorene Heimat an der Ruhr als ein Zuhausesein in der Welt, und sie scheint mir – frei nach Bloch – in die Kindheit hinein. Danke an Euch, danke an Sie, danke an alle. Und ein letztes Glück Auf! 

 

Ihr

Frank Hoffmann


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