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„Eines langen Tages Reise in die Nacht“

09.05.2011

Im Rahmen der diesjährigen Ruhrfestspiele unter dem Motto „In die Zeit gefallen! Schiller“ wird vom 3. Mai bis 12. Juni in den Seitenfoyers der Rangebene im Ruhrfestspielhaus die Ausstellung „Räuber sein! Schiller“ präsentiert. Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Deutschen Literaturmuseum Marbach eigens für die Ruhrfestspiele konzipiert worden und bietet den Besuchern einen außergewöhnlichen Blick auf den großen deutschen Dichter Friedrich Schiller und sein legendäres Schauspiel „Die Räuber“.

Thema und Ziel:

Schillers erstes Schauspiel wird in Gang gesetzt, indem der hässliche Franz Moor seinen älteren, schöneren Bruder Karl beim Vater durch einen gefälschten Brief verleumdet: Sein Lieblingssohn werde nach einem Mord steckbrieflich gesucht. Dem Bruder schickt er ebenfalls einen gefälschten Brief: Der Vater verstoße ihn. Karl, der für die Unterdrückten kämpfen will, schließt sich daraufhin einer Räuberbande an. Auch das edle Ziel ist auf schlechte Taten angewiesen: Raub und Totschlag. Am Ende tötet Franz sich selbst, Karl dagegen löst durch sein Geständnis, ein Räuber zu sein, den Tod des Vaters aus, ersticht seine Geliebte Amalia und stellt sich, das Todesurteil vor Augen, freiwillig. Anders als im Märchen gewinnt am Ende das Gute und Schöne nicht eindeutig gegen das Böse und Hässliche. Längst ist die Welt unter moralischen Gesichtspunkten nicht mehr so einfach zu fassen. Die Räuber waren bei ihrer Erstaufführung am 13. Januar 1782 in Mannheim ein Ereignis: »Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!« Bertolt Brecht deutet sie anderthalb Jahrhun-derte später als Sieg des Theatralischen über die abgebildete Wirklichkeit: »Schiller arbeitet die dramati-schen Szenen aus, auch die Monologe, legt großen Wert auf die ›Schönheiten‹ und legt sorgfältig seine Effekte an. Alles zielt darauf ab, Begeisterung zu erwecken, mitzureißen, zu entzücken, moralisch wie ästhetisch, hochgesinnte Charaktere, spannende Verwicklungen, rhetorische Explosionen, Ausstellungen starker Leidenschaften, Anzettelung atemraubender Kontroversen«. Wie allein mit der Sprache so große Emotionen erzeugt und so starke Figuren zum Leben erweckt werden können, steht im Mittelpunkt dieses Ausstellungsexperiments. Schillers Schreiben zielt auf die Bewegung der Seele wie des Körpers und verwickelt einen von Kopf bis Fuß, dass einem manchmal um ein Haar Hören und Sehen vergeht und nichts mehr zu sitzen scheint, wo es hingehört. Das prägt sein Leben wie sein Werk, ist an seinem Nachlass wie an seinen Texten sichtbar. Vom Satzzeichen und Wortklang über den Aufbau eines Satzes hin zur Reihung in einer längeren Passage, vom Tätigkeitswort hin zum Begriff provozieren diese, dass man sie sich mimisch vorstellt. Die Besucher können das in dieser Ausstellung an Passagen aus den Räubern am eigenen Leib überprüfen, Schritt für Schritt, im Spiegelbild des Textes: mit Bauch und Lunge, Mund und Augen, Händen, Haltung, Beinen und Füßen.

Gestaltung:

Schillers Dramentexte verwickeln die Leser mit Haut und Haar in eine Welt der künstlichen Extreme. Sie sind ein Kino im Kopf, das den vollen Einsatz fordert, ein Training für die Stimme und den Körper, für Mund, Mimik, Gestik und Haltung. Jede Bewegung der Seele ist bei Schiller immer auch eine Bewegung des Körpers und wie der Tanz an ein bestimmtes Maß gebunden: den Satz und den Vers.

Aus diesem Grund verwandelt die Ausstellung Räuber sein die beiden Foyerräume im Festspielhaus in Balletträume. Jeder Raum ist von einem wandfüllenden Spiegel geprägt. Auf den Spiegeln ist eine Textfas-sung der Räuber gedruckt, welche die Besucher in der kurzen Zeit der Pause in fünf Kapiteln oder Übungen durch das ganze Drama, seine wichtigsten Personen, Ereignisse und Szenen führt und ebenso durch alle Körperbereiche, die Schiller dabei mit seiner Sprache stimuliert. Geleitet werden die Besucher von einer Ballettstange und der hinterleuchteten Textgrafik, die das Spannungsverhältnis von Satz- und Seelenbewe-gung verstärkt und die Besucher zum bewegten Lesen animieren möchte, bei dem sie sich selbst beobach-ten können. Im einen Eingangsraum führt ein Text die Besucher in die Ausstellung ein, im anderen stellt eine kurze Zeittafel Schillers Leben und Werk und ein Schubladenschrank seinen Marbacher Nachlass vor, analog zur Ausstellung zugespitzt auf seinen Körper: Schiller von Kopf bis Fuß.

Die Kapitel im Einzelnen:

1. Bauch und Lunge / 2. Augen und Mund / 3. Hände / 4. Der ganze Körper / 5. Beine und Füsse

Konzept: Heike Gfrereis, Diethard Keppler und Ellen Strittmatter


Kontakt
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